Das Willy-Brandt-Haus Schwerin
Das Haus Wismarsche Straße 32/Ecke Molkereistraße wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als bürgerliches Wohnhaus gebaut. Lange Zeit dachten wir, dass im Erdgeschoß sich das "Staats-Telegrafenbureau" befand und in einem der oberen Geschosse eine Dienstwohnung für den jeweiligen Telegrafensekretär eingerichtet worden war. Dank des freundlichen Hinweises des Schweriner Historikers Horst Zänger wissen wir heute, dass die Telegraphenverwaltung 1856 in der Wismarschen Straße 32 (heute Nr. 145) eingerichtet wurde.
In der Wismarschen Straße 152 war später unter anderem im Erdgeschoß die Pianofortefabrik Meyer, danach hatte eine Tischlerei ihre Werkstätten untergebracht.
1927 mietete die Redaktion der Zeitung Das Freie Wort, Organ der SPD für Süd-, West- und Mittel-Mecklenburg die Räume im Erdgeschoß. Die Zeitung war 1919 gegründet worden. Seit 1926 erschien sie als Kopfblatt der Mecklenburgischen Volkszeitung. Zunächst druckte man die Zeitung in Schwerin u.a. hier im Haus. Später wurde sie in der damals hochmodernen Verlagsdruckerei in Rostock in der Doberaner Straße 6 produziert.
Die Redaktionsräume in der Wismarschen Straße wurden auch von der SPD und Gewerkschaften als Büro genutzt und waren die SPD-Adresse der Stadt. 1931 kaufte die SPD-eigene Mecklenburgische Volkszeitung GmbH Rostock das Schweriner Haus. 1933 wurde Das Freie Wort von den Nazis verboten und die SPD einschließlich Ihrer Betriebe enteignet. In die Redaktionsräume zog die Hauptgeschäftsstelle des nationalsozialistischen Blattes Niederdeutscher Beobachter ein. Außerdem hatte die Kreisleitung, später die Gauverwaltung Mecklenburg der Deutschen Arbeitsfront hier ihr Büro.
1945 kehrte die Schweriner SPD für kurze Zeit in das Haus zurück. Nach der Zwangsvereinigung der KPD mit der SPD meldete die SED 1946 "Rückübertragungsansprüche" für die von den Nazis enteigneten Grundstücke und Vermögenswerte der SPD an. Sie wurde u.a. auch Eigentümerin des Hauses in der jetzigen Wismarschen Straße 152 und richtete dort eine Außenstelle der Landes- bzw. Bezirksparteischule ein. Von 1980-1998 nutzte die URANIA, die Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse, die Räume als Vortragszentrum und Büros.
1990 konnte die SPD endlich den Antrag auf Rückübertragung ihres Traditionshauses stellen. Nach einem langwierigen Verfahren erhielt sie es im August 1998 zurück. Daraufhin begann die Konzentration GmbH, die Immobilien- und Projektentwicklungsgesellschaft der SPD, mit der umfassenden Sanierung und Modernisierung des Hauses. Am 25. September 1999 weihten Inge Wettig-Danielmeier, Schatzmeisterin der SPD, und Ministerpräsident Dr. Harald Ringstorff, Landesvorsitzender der SPD in Mecklenburg-Vorpommern das neue Haus ein.
Zu Ehren Willy Brandts, der sich Zeit seines Lebens mit der mecklenburgischen Heimat seiner Mutter und seines Großvaters eng verbunden fühlte, trägt das Haus fortan seinen Namen.